Neue therapeutische Optionen
Es ist erst rund 150 Jahre her, als der große deutsche Arzt Rudolf Virchow die Zelle als Zentrum
alles Lebens definierte: Omnis cellula e cellula, schrieb er (in einer Zeit als die Sprache der
Medizin noch lateinisch war!). Von Virchow stammt auch der Satz: „Wir müssen die Idee völlig
aufgeben, dass ein Tumor sich im Körper wie ein unabhängiges Wesen entwickeln kann. Er ist Teil
des Körpers; er ist mit ihm nicht nur verwandt, sondern stammt aus ihm, er ist seinen Gesetzen
unterworfen“. Bis heute hat die Medizin zwar unendlich viel über diese Gesetze gelernt, ebenso
gibt es allerdings immer noch große weiße Flecke. Zu diesen Flecken, die man erst in letzter Zeit
Stück für Stück entschlüsselt, gehören u.a. die Kommunikationsvorgänge im Inneren der (Krebs)Zelle
und zwischen den Zellen, Aspekte der Gentherapie und immunologische Ansätze.
Im Vergleich zur klassischen Chemotherapie (oder Strahlentherapie), die sich gleichsam gegen die
Krebszelle als Ganzes richtet, zielen moderne Krebstherapien und -medikamente auf ausgewählte
Angriffspunkte des Tumors. Angriffspunkte, die sich im Rahmen der molekularbiologischen Forschung
als besonders wichtig für das Funktionieren von Krebszellen gezeigt haben. Mit dieser gezielten
als „Targeted Therapy“ bezeichneten Vorgehensweise soll die Krebstherapie in Zukunft nicht nur
effektiver sondern auch deutlich verträglicher werden.
Die Blockade von Wachstumsfaktoren
Es gibt eine ganze Reihe von Signalwegen, über die das Wachstum von Tumorzellen angeregt wird.
Einige dieser Signalwege sind bereits entschlüsselt und erste Substanzen, die diese
Kommunikationswege blockieren, entwickelt. Für das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom scheint
nach ersten Untersuchungen z.B. die Blockade des so genannten epidermalen Wachstumsfaktor-Rezeptors
(EGFR) viel versprechend.
Hemmung des Blutgefäßwachstums
Ein weiterer Weg, der gegenwärtig in der Forschung verfolgt wird, ist die Entwicklung von
Hemmstoffen gegen die Gefäßneubildung in Tumorgewebe. Sogenannte Angiogenese-Inhibitoren.
Spezifische Aktivierung des körpereigenen Immunsystems
Seit den großen Erfolgen der Immunologie mit Impfungen z.B. gegen Pocken, Diphtherie,
Poliomyelitis, Röteln oder Mumps, wurden immer wieder auch so genannte „Tumorimpfungen“
diskutiert. Auch in diesem Bereich bieten sich mit neuen Erkenntnissen neue viel versprechende
Ansatzpunkte. So weiß man heute, dass eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen,
die zytotoxischen T-Lymphozyten, Tumorzellen spezifisch erkennen und abtöten können. Dieser
Prozess wird üblicherweise dadurch ausgelöst, dass auf der Zelloberfläche spezielle Strukturen,
so genannte Antigene, gezeigt werden, die dann die Immunreaktion aktivieren. Bei Tumorzellen
funktioniert nur der erste Teil der Geschichte: Sie enthalten zwar Antigene und stellen damit
einen möglichen Angriffsort für die Immunreaktion dar, das Immunsystem erkennt sie allerdings
nicht ausreichend und reagiert nicht mit einer entsprechenden Immunantwort. Kann das Antigen
dagegen so „präsentiert“ werden, dass es vom Immunsystem als fremd erkannt wird, folgt eine
spezifische Immunantwort und die Tumorzellen können zerstört werden.
MK August 2010
Bilder-Quelle:
fotolia.com, © ktsdesign
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